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Doris
Jessen (45) studierte in München Kommunikationswissenschaft sowie Markt-
und Werbepsychologie. Nach zehn Jahren fest angestellter Tätigkeit als
Pressesprecherin verschiedener Unternehmen wagte sie 1996 den Sprung in
die Selbstständigkeit und ist seitdem als PR-Beraterin und freie
Journalistin tätig. Ihre Beschäftigungsschwerpunkte sind neben der
Informations- und Kommunikationstechnik Themen rund um ihre beiden
Hobbys: Hunde und Pferde.
Ihr besonderes Interesse gilt der Tiermedizin, wobei sie großen Wert
darauf legt, auch komplizierte Sachverhalte einfach verständlich
darzustellen. In diesem Umfeld wird sie den Allgemeinen Deutschen
Rottweiler-Klub e.V. auch zukünftig in regelmäßigen Abständen mit
Beiträgen unterstützen.
Doris Jessen ist verheiratet und lebt in Hamburg. Neben ihrem Ehemann
Lars Jessen umfasst die kleine Familie noch die Australian Shepherd
Hündin "Apron" sowie die beiden American Quarter Horses "Peppy" und "Pago".
Parvovirose - Schließen Sie die immunologische Lücke!
Die Risiken einer Infektionskrankheit sind jedem
verantwortungsbewussten Hundezüchter und Hundehalter bekannt. Für Welpen
besonders gefährlich, weil in 80 Prozent der Fälle tödlich, ist die
Parvovirose. Bisher konnten sie im besonders gefährdeten Alter zwischen
der 5. und 8. Lebenswoche nicht geimpft werden, weil die mütterlichen
Antikörper eine Barriere gegen die Impfung bildeten. Mit dem modernen
Impfvirus (CPV 2b) ist seit kurzem auch eine Frühimpfung möglich.
Der Beitrag enthält außerdem umfangreiche Empfehlungen, wie sich ein
Züchter verhalten soll, dessen Betrieb von Parvovirose betroffen ist.
Die Parvovirose, hervorgerufen durch das canine Parvovirus (CPV) ist
eine der gefährlichsten Infektionskrankheit für den Hund. Sie befällt
vor allem das Immunsystem und die Darmschleimhaut. „Drei bis zehn Tage
nach der Ansteckung, die über Nase und Maul erfolgt, bekommt der Hund
Fieber, wird matt und appetitlos. Kurz darauf folgen die typischen
Symptome Erbrechen und übelriechender, zunehmend blutiger Durchfall.
Wird das Tier jetzt nicht sofort behandelt, kann es innerhalb von
wenigen Tagen sterben“, erläutert Dr. med. vet. Günter Allmeling,
Facharzt für Chirurgie und Chef der Tierklinik Börnsen bei Hamburg.
Die intensivmedizinische Therapie muss üblicherweise stationär in einer
Tierklinik erfolgen. „Das Ziel ist, das Tier in seiner
Konstitution und Kondition so lange stabil zu halten, bis die eigene
Abwehr greift. Da man gegen das Virus selbst wenig unternehmen kann,
besteht die Behandlung hauptsächlich aus Dauerinfusionen, um den
Flüssigkeitshaushalt zu stabilisieren. Dazu kommen starke Antibiotika
gegen Sekundärinfektionen und virenspezifische Maßnahmen wie die Gabe
von Interferon und Hyperimmunseren“, so Dr. Allmeling weiter.
Welpen durch Muttermilch geschützt
Wichtig ist in jedem Fall, dass die Mutterhündin durchgeimpft ist,
dann sind die Welpen in den ersten Lebenswochen durch die „maternalen“
(mütterlichen) Antikörper geschützt. Diese nehmen sie in den ersten zwei
Lebenstagen mit der Biestmilch der Hündin auf. Die mütterlichen
Antikörper bauen sich aber in ihrer Zahl in den ersten Lebenswochen ab,
und da der Welpe noch keine eigenen Antikörper produziert, wird der
Schutz immer geringer und das Ansteckungsrisiko höher.
Die „immunologische Lücke“
Besonders infektionsgefährdet sind Welpen – abhängig von der Anzahl
der mütterlichen Antikörper – zwischen ca. der vierten/fünften und
zehnten/zwölften Lebenswoche. Die Hundebabys in dieser Zeit zu impfen,
war bis vor kurzem wenig sinnvoll. Denn die Reste der mütterlichen
Antikörper betrachten das Impfvirus als Infektion und inaktivieren es.
Für den Schutz gegen eine tatsächliche Infektion reichen sie aber nicht
aus. Diese Phase bezeichnet man als „immunologische Lücke“.
Ein weiteres Problem hat der Züchter, wenn einer seiner Hunde erkrankt.
Dann sollte der Immunschutz beim noch gesunden Bestand noch einmal
aufgefrischt werden. Das war aber – zumindest für andere tragende
Hündinnen des Züchters – mit den bisherigen Lebendimpfstoffen riskant,
weil die Impfviren über die Plazenta des Muttertieres die
Föten infizieren oder sie schädigen können.
Forscher entwickeln Frühimpfstoff
Daher gingen die Forschungs- und Entwicklungsbemühungen der
Impfstoffhersteller seit langem dahin, Vakzine herzustellen, mit denen
diese kritische Phase auf einen minimalen Zeitraum verkürzt werden kann.
Von Vorteil war, dass das Parvovirus CPV Typ 2 mit der Zeit kleinere
Mutationen bildete: die Antigene CPV 2a und seit einigen Jahren
zunehmend auch CPV 2b. Die Veränderungen sind nur sehr gering. Sie
sorgen aber dennoch dafür, dass der neue Impfstoff „Virbagen Puppy 2b“
auf der Basis des Typs 2b von den mütterlichen Antikörpern im
Welpenorganismus (dessen Mutter üblicherweise gegen Typ 2 oder 2a
geimpft wurde) nicht inaktiviert wird. Trotzdem bewirkt das Impfvirus
eine sog. „Kreuzimmunität“, die den Welpen auch gegen die anderen
Virenstämme schützt.
Auch bei tragenden Hündinnen kann der neuartige Impfstoff risikolos
eingesetzt werden, wie eine Sicherheitsstudie ergab: Die Impfung hatte
keinen Einfluss auf den Verlauf der Trächtigkeit, Geburt oder Wurfgröße
und die gesunden Welpen entwickelten sich normal.
Wann soll man impfen?
Acht bis zehn Tage braucht ein gesunder Körper mindestens, um nach
einer Impfung erste Antikörper zu bilden. Bis zum vollen Immunschutz
muss sich das Immunsystem vier bis sechs Wochen mit der zweiten Impfung
auseinander gesetzt haben (Booster-Effekt). Die Welpen sind dann also
bereits 16 Wochen alt. „Da aber die mütterlichen Antikörper oft schon
nach wenigen Lebenswochen unter den noch schützenden Grenzwert (Grenztiter)
rutschen, sollten die Welpen schon in der fünften Woche das erste Mal
mit dem neuen CPV 2b-Impfstoff geimpft werden, um die Risikophase für
Parvovirose so kurz wie möglich zu gestalten“, so Dr. Allmeling.
Ab der 8./9. Lebenswoche können dann in der gewohnten Weise die
regulären Impfungen durchgeführt werden, wie auf den entsprechenden
Internetseiten des VDH (Volltextsuche: Impfempfehlung) empfohlen.
Der Teufel schläft nicht
Eine Parvovirose-Infektion kann trotz aller Vorsichtsmaßnahmen
auftreten. Denn das Virus wird in großer Menge mit dem Kot erkrankter
Tiere ausgeschieden, es ist sehr robust und kann monatelang in der
Umwelt überleben. So ist es bei Temperaturen von 4 bis –25° Celsius noch
nach 13 Monaten infektiös, bei 32° Celsius behält es seine krankmachende
Wirkung noch länger als sechs Monate. Selbst 80° Celsius übersteht es
mindestens 30 Minuten – ebenso wie Chloroform oder Säure.
Umfangreicher Maßnahmenkatalog
Jetzt muss sich die gesamte Organisation des Zuchtbetriebes auf den
Kampf gegen die Parvovirose einstellen. In
erster Linie sind die (noch) gesunden Hunde zu schützen. Das geschieht
durch Quarantänebereiche für jedes einzelne Tier, die von den
„Normalstationen“ strikt getrennt und möglichst von verschiedenen
Personen betreut werden. Die kranken Tiere müssen als letzte versorgt
werden.
Von besonderer Bedeutung sind die Desinfektionsmaßnahmen. Hände müssen
regelmäßig gewaschen oder für jedes Tier eigene Gummihandschuhe getragen
werden. Zu den potenziellen Überträgern gehören auch Schuhe, Kleidung
und Futter- oder Transportwagen. Sinnvoll sind Schutzkittel (besser als
Overalls), Einwegüberschuhe oder Desinfektionsmatten an den
Übergangsstellen von den Quarantäne- zu den Normalstationen. Die gesamte
Schmutzwäsche ist zunächst in verschlossenen Beuteln aufzubewahren und
vor dem Waschen zu desinfizieren.
Zur Desinfektion eignen sich nur wenige Mittel, da das canine Parvovirus
sehr resistent ist. Dazu gehören:
0,2%ige Natriumhypochlorit-Lösung /
0,5 – 4%iges Formalin /
2%ige Glutaralgeyd-Lösung /
0,01 M Natronlauge
Nähere Auskünfte geben Hygienemittel-Hersteller wie z.B. Interhygiene
GmbH in Cuxhaven, HWR Chemie in Emmering oder Noack GmbH in Warendorf.
Vor der Aufbereitung des Desinfektionsmittels oder bei der Einwirkzeit
sollte geprüft werden, ob auch die Mischung und damit die Konzentration
stimmt. Generell wichtiger als viel Desinfektion sind gezielte
Maßnahmen, die auch „sitzen“. Was nicht desinfiziert werden kann, muss
im akuten Krankheitsfall radikal entfernt werden.
Vorsicht walten lassen sollte der Züchter immer bei Neuzugängen: Sie
müssen mindestens zwei bis vier Wochen vor ihrem „Einzug“ eine
Grundimmunisierung erhalten haben und sollten zwei bis drei Wochen in
Quarantäne gehalten werden. Letzte Gewissheit über die Virenfreiheit
gewinnt man nur durch eine Blut- und Kotuntersuchung.
Therapien und Impfmaßnahmen im betroffenen Bestand sind unerlässlich, um
die Ausscheidung von Erregern zu
minimieren und alle noch gesunden und infektions-„unverdächtigen“ Hunde
zu schützen. Das kann heute über eine „Booster-Impfung“ mit dem oben
genannten neuen Impfstoff „Virbagen Puppy 2b“ geschehen. Die Behandlung
kranker Hunde während der Inkubationszeit, also in den ersten drei bis
neun Tagen, und in der akuten Phase erfolgt wie bei
der Prophylaxe durch felines Interferon.
Um eine schadenfreie Trächtigkeit und Aufzucht zu gewährleisten, müssen
die Muttertiere mindestens drei Wochen vor dem Geburtstermin in einer
erregerfreien Umgebung untergebracht werden. Hatte das Muttertier
bereits einen Wurf mit Parvovirose-Symptomen, sollten die Welpen schon
nach vier bis fünf Wochen abgesetzt und isoliert werden.
Insgesamt betrachtet müssen sich die vielfältigen Maßnahmen gegenseitig
ergänzen, um den Infektionsdruck soweit wie möglich zu senken. Nur so
ist neuen Erkrankungsfällen entgegenzutreten. Einer traurigen Wahrheit
kann sich aber kein Züchter verschließen: Die absolute Virenfreiheit ist
kaum zu erreichen. Ein bisschen Glück gehört also dazu, um den
Zuchtbetrieb vor großem Schaden zu bewahren.
Doris Jessen, Fachjournalistin, Hamburg
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